Der Boden ist noch neu
Alex Wolf und ich haben am Wochenende auf „New World“ angestoßen. Etwas, das wir schon lange machen wollten, aber uns nicht so richtig getraut haben. Denn auf etwas anzustoßen, es zu würdigen, bedeutet auch anzuerkennen, dass es wirklich ist.
Doch in den letzten Wochen und Monaten ist so viel passiert, das wir nicht haben kommen sehen. So viel, das uns den Boden unter den Füßen weggerissen und in derselben Sekunde einen neuen untergelegt hat. Auch wenn Wochen und Monate dazwischenlagen, kam es uns vor, als würden die Böden unter unseren Füßen in Sekundenschnelle ausgetauscht werden. Ein kleines Rütteln hier, ein merkliches Verschieben dort, wankend, mal schwankend – doch immer ging es bloß vorwärts.
Und irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass die neue Welt längst unter unseren Füßen stand.
Also beschlossen wir am Wochenende, etwas zu tun, an das wir schöne und leichte Erinnerungen hatten: Karaoke-Night in einem Pub – dieses Mal mit zwei lieben Freunden. Und der ganze Abend hat unsere Vorstellung und jede, die wir uns davon hätten machen können, um ein Vielfaches übertroffen.
Übertroffen an Leichtigkeit.
Übertroffen an Resonanz.
Übertroffen an Spaß.
Übertroffen an Zwischenmenschlichkeit.
Übertroffen an Dankbarkeit.
Dieses ganze Jahr hat meine Welt übertroffen. Mein Leben. Das, was ich für möglich gehalten habe.
Vor einem Jahr habe ich alles in meinem Leben auseinander genommen. Jedes einzelne System, in dem ich war, hinterfragt. Ich war gnadenlos. Gnadenlos, denn ich war am Ende. Ich fühlte es. So, wie es war, konnte es nicht weitergehen.
Denn es lief nicht mehr. Jeder einzelne Tag kostete mich alles, was ich hatte. Jede Begegnung ließ mich ausgelaugt zurück. Ich hatte chronische Schmerzen seit über einem Jahrzehnt und ein Leben, das mir chronische Schmerzen verursachte.
Allem, dem ich begegnete, löste Fragen in mir aus.
Wann war das entstanden?
Seit wann fühlte es sich so an?
Und wie lange würde ich noch in der Lage sein, dieses Gewicht zu tragen, bevor ich endgültig entschied, meinen Rucksack zu packen, mein Leben ohne einen Blick zurückzulassen und für immer in ein spirituelles, simples Leben zu gehen? Es fehlte nicht mehr viel. An manchen Tagen war sogar der Rucksack gepackt und es fehlte nur noch der Gang zum Bahnhof.
Doch ich bin niemand, der wegläuft.
Aber ich bemerkte auch mit jedem einzelnen Tag mehr, dass ich nicht mehr kämpfen konnte. Hatte ich doch mein Leben lang gekämpft und war es nicht bloß leid, sondern auch leer. Ich fühlte mich nicht mehr wie ich selbst. Ja, ich wusste noch nicht mal mehr, wer ich eigentlich bin.
Oder besser gesagt: wer ich einmal war.
Bevor ich zu dem wurde, was die Welt von mir wollte.
Bevor ich zu dem wurde, was ich dachte, der Welt zu schulden.
Bevor ich das wurde, von dem ich dachte, dass es die einzige annehmbare Variante von mir sei.
Also traf ich die Entscheidung zu gehen. Nicht mit meinem Rucksack aus meinem Leben, aber mit meiner Person aus jedem System, das mich band und mich leer zurückließ.
Wenn ihr meine Artikel kennt, wisst ihr, dass sich viel um das Thema „Raum“ dreht. Das ist kein Zufall.
Denn Raum ist ein Schlüssel.
Und er öffnet nicht bloß eine Tür. Er öffnet eine ganze Vielzahl an Türen und ein Raum ist ungewohnter als der andere.
Jeder Raum überrascht dich.
Jeder fordert dich.
Jeder konfrontiert dich.
Jeder bringt dich zu einem neuen Spiegel, einer neuen Welt.
Und jedes Mal ist es dir überlassen, ob du ihn und die Welt, die er dir zeigt, betrachten willst oder dich umdrehst und zurückgehst.
Denn du kannst jederzeit zurück. Doch dann wirst du nie erfahren, in welchen Raum du als Nächstes gelangt wärst und welche Welt du dort entdeckt hättest. Denn nicht jede macht Angst. Nicht jede bringt dich an deine Grenzen. Aber wenn du mutig bist, dich traust hinzusehen, hineinzugehen und den Ort zum Lernen nutzt, wirst du überrascht sein, wohin er dich als Nächstes führt.
Bis vor einem Jahr hatte ich das Gefühl, die Räume, die ich beschritt, führten mich an die falschen Orte. Doch ich ging Raum für Raum weiter, durch die Tür, die sich mir eben zeigte. Immer in der Hoffnung, dass es sich schon irgendwann richtig anfühlen, irgendwann der Weg Sinn ergeben würde.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das kleine, leuchtende Exit-Schild im dunklen unteren Teil eines jeden Raumes tatsächlich eine gute Idee sein könnte, sondern eher eine Art Sicherheitskonstruktion für den Fall, dass unerwartet ein Erdbeben entstehen und alles drohen würde, in sich zusammenzufallen. Doch im letzten Jahr war ich diesem Exit-Schild unerwartet nah gekommen.
Und plötzlich fühlte ich, dass mein Rücken bereits die Tür berührte.
Ich musste lediglich mit meiner Hand die Klinke berühren und …
da war sie.
Weite.
Luft, in der ich atmen konnte.
Freiheit.
Und: Raum.
Endlich war da Raum. Nach nichts anderem hatte ich mich gesehnt.
Raum.
Raum zum Atmen.
Raum, mein Denken wieder hören zu können.
Eines, das nicht mehr darum kreiste, Funktion zu erfüllen und meine geschändete Gesundheit und meine Ressourcen, die um den Nullpunkt kreisten, einen weiteren Tag in ein Korsett zu zwingen, nur um durchzuhalten.
Raum, mich selbst zu hören.
Nicht die Vorwürfe, die ich mir machte, weil ich mich für zu sensibel hielt und „andere es ja auch hinkriegen, all das zu halten“.
Nicht die inneren Kritiker, die mich daran erinnern wollten, dass ich mich nur mehr anstrengen müsse oder einfach bessere Grenzen setzen, mich abhärten oder aggressiver sein müsse, um in dieser Welt Bestand zu haben.
Nein.
Ich fing an, mich selbst zu hören.
Und Räume zu betreten, die ich für längst verschüttet und verschollen gehalten hatte. Räume, die mir seit Jahrzehnten nicht mehr betretbar gewesen waren.
Ich hatte Angst vor diesem Jahr.
Angst vor dem, was kommen würde.
Angst vor dem, was sich zeigen würde.
Und am meisten Angst, meine Entscheidung zu bereuen und vor dem Nichts zu stehen.
Und auch heute kann ich nicht sagen, was die Zukunft bringt. Niemand kann das.
Aber ich habe aufgehört, die Zukunft kontrollieren zu wollen und mir einzureden, dass, wenn ich meine Welt nur klein und funktional genug halten würde, mich selbst klein und funktional genug, dann würde auch nichts passieren, das sich nicht kontrollieren ließe.
Doch die Wirklichkeit zeigt sich nun in einem völlig anderen Licht.
Je mehr Räume ich betrete, je mehr Welten ich in meine lasse, je mehr Raum ich mir erlaube, desto kontrollierbarer erscheint es mir.
Klingt verrückt, nicht wahr?
Vielleicht genau die Art von surrealer Verrücktheit, die Alex und ich gerade erleben.
Vielleicht genau die surreale Verrücktheit, aus der Lores Hutmacher entsteht.
Vielleicht genau der Kaninchenbau von Alex, durch den der Weg führt, um neue Welten betreten zu können.



